Donnerstag, 11. Mai 2017

Von Bangladesch nach Italien für 10.000 Euro

Von Manuel BewarderStefanie Bolzen, Florian Flade, Alfred Hackensberger, Constanze Reuscher

In diesem Jahr steigt plötzlich die Zahl der Flüchtlinge aus Bangladesch rapide an. Sie reisen über Libyen nach Italien, wo bereits eine gut vernetzte Community auf sie wartet. Ein Schleuser namens Ahmed D. dreht in Libyen am großen Rad.

Es ist nur ein Jahr her, da zwängten die Schleuser vor allem Schwarzafrikaner auf die Schlauchboote, die sie in Libyen aufs Mittelmeer schickten. Mehr als 180.000 Migranten kamen so 2016 nach Italien, die meisten von ihnen aus Nigeria, Eritrea und Guinea. Das hat sich zuletzt geändert.
Grenz- und Asylbeamte, die sich auf Booten oder auf dem italienischen Festland um die Rettung und Aufnahme der Flüchtlinge kümmern, wundern sich seit Beginn des Jahres. Denn das Hauptherkunftsland der Migranten, die in Italien über das Mittelmeer ankommen, lag im ersten Quartal dieses Jahres nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks UNHCR nicht irgendwo in Afrika. In den ersten drei Monaten 2017 kamen 14,6 Prozent von ihnen ursprünglich aus Bangladesch. Einem weit entfernten Land, von dem in der aktuellen Flüchtlingskrise kaum die Rede war.
Eine Erklärung für diese Entwicklung gibt es bislang nicht. Auch europäische Regierungsvertreter rätseln derzeit in Gesprächsrunden darüber. Sie wollen die Ursachen für die Migrationsbewegungen verstehen, um sie bekämpfen zu können. Wie kann es sein, dass in diesem Jahr bereits Tausende Bangladescher gekommen sind? Im gleichen Zeitraum 2016 zählten die Behörden lediglich eine Person aus Bangladesch, die über das Mittelmeer nach Europa kam. Von
Für Bangladescher gibt es allerlei Gründe, die eigene Heimat zu verlassen. In Asylbefragungen gäben sie regelmäßig an, aufgrund von „staatlichen Repressionen“ und „wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit“ ihr Land verlassen zu haben, heißt es aus Sicherheitskreisen. „Die staatliche Repression, insbesondere von Journalisten, Bloggern und Menschenrechtsaktivisten, hat in Bangladesch in den vergangenen Jahren sehr stark zugenommen“, sagt Bernhard Hertlein, Bangladesch-Experte bei Amnesty International in Deutschland.
Es seien neue, äußerst fragwürdige Gesetze erlassen worden, die Publizisten oder Nutzer von Social Media in große Schwierigkeiten bringen. „Propaganda gegen den Staat“ und „ Beleidigung religiöser Gefühle“ etwa seien inzwischen Straftatbestände. Immer wieder gebe es in Bangladesch Fälle von brutaler Polizeigewalt oder auch Hinrichtungen durch Polizeikommandos. Hinzu kommen die steigende Gewalt und Attentate durch islamistische Gruppierungen wie den Islamischen Staat (IS).
Viele haben das von Armut geprägte Bangladesch in den vergangenen Jahren aber wohl auch verlassen, um woanders ein besseres Leben führen zu können. Manche bleiben in der Region, ziehen nach Indien, Sri Lanka oder Nepal. Viele haben sich in die Golfstaaten aufgemacht, um sich dort als Billigarbeiter in der Ölindustrie zu verdingen.
Von dort aus wiederum zog es einige weiter – nach Libyen. In ein Land, das bis vor ein paar Jahren unter Machthaber Muammar al-Gaddafi noch groß im Ölgeschäft mitmischte. Hier gab es Jobs. Bis das Land im Chaos des Bürgerkriegs versank und so seine Wirtschaftskraft zerstört wurde.
Die „zunehmend schwierige Wirtschafts- und Menschenrechtslage und das weitestgehende Fehlen von staatlichen Strukturen“ zwängen die Migranten in Libyen „mehr und mehr dazu“, das Land zu verlassen, bilanzieren deutsche Sicherheitsbeamte intern. Diplomaten hatten die Zustände in den illegalen libyschen Flüchtlingsknästen „KZ-ähnlich“ genannt. Der Staat ist in viele Teile zerfallen. Verschiedene Regierungen konkurrieren mit diversen Milizen um die Macht im Land. Viele Bangladescher kommen also direkt aus Libyen in Italien an.
Doch auch in den Golfstaaten verschlechtert sich laut Sicherheitsexperten die Lage. Dort werde aufgrund der „schlechteren wirtschaftlichen Situation eine Begrenzung der Arbeitsmigration“ angestrebt. Zuwanderer würden bereits in die Heimatländer abgeschoben. Lieber als in die Heimat ziehen viele der Bangladescher Arbeitsmigranten dann nach Europa weiter, wo sie bereits
Im Laufe der Jahre hat sich für Bangladescher in der Region ein ausgeklügeltes Schleusermodell entwickelt. Das Flüchtlingsgeschäft ist ein Zwei-Klassen-Business. Wer kaum Geld hat, muss viele Monate für Schleuser arbeiten gehen, er ist ihnen ausgeliefert. Wer nicht spurt, wird manchmal sogar erschossen. Wer es sich dagegen leisten kann, hat es deutlich besser: Schleuseragenturen aus Bangladesch haben selbst in Libyen Zweigstellen. Sie organisieren eine Reise bis nach Europa – inklusive falschen Passes und Visums.
Für rund 10.000 Euro bieten die Schmuggler den Flug nach Tripolis, den Transport ans Meer – und eine Überfahrt nach Italien. Bangladescher kamen zuletzt immer häufiger per Flieger etwa aus dem ägyptischen Kairo, Dubai oder der Türkei. Es gibt Berichte, wonach die libysche Botschaft in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, für 1500 Dollar Schmiergeld ein Visum ausstellt.
In Tripolis am Matiga-Flughafen treffen sich die Landsleute dann. Personen, die sich in Libyen mit dem Migrationsgeschäft auskennen, berichten von Ahmed D. Dieser gilt als einer der wichtigsten Schleuser vor Ort und kontrolliert noch am Flughafen die Namen der Eingeflogenen.
Ahmed D., der die Migranten am Flughafen abholt, verdient bestimmt 500.000 Dollar im Monat“, schätzt Samir, ein libyscher Journalist, der über die Praktiken der Menschenhändler seines Landes gut Bescheid weiß. Er kennt einige von ihnen persönlich. In den letzten zwei Monaten soll sich Ahmed insgesamt drei Häuser in einer sehr teuren Gegend in Tripolis gekauft haben. Eines ist für seinen Vater bestimmt, ein anderes für den Bruder und das dritte für ihn selbst. „Dieser Ahmed war schon unter Gaddafi ein Businessman“, erzählt Samir
Einige seiner Verwandten seien damals sehr einflussreiche Leute gewesen und sollen es bis heute geblieben sein. „Statt, wie früher, zum Gaddafi-Klan, haben sie heute gute Beziehungen zu den mächtigsten Milizen“, behauptet der Journalist weiter. Gegen Ahmed D. soll in Ägypten ein Haftbefehl vorliegen, nachdem man einige Mitglieder seines dortigen kriminellen Netzwerks gefangen genommen habe. Lange scheint Ahmed D. in Libyen nicht mehr bleiben zu wollen. Angeblich will er in die Türkei.
Die Bangladescher, die in Tripolis ankommen, haben nicht solche Möglichkeiten: Sie müssen zwar nicht in die berüchtigen Flüchtlingsknäste. Mit dem Bus geht es für sie, die bereits viel Geld gezahlt haben, nach der Landung in die Unterkunft, in ein sogenanntes „safe house“, wo es keine Probleme mit der Polizei oder rivalisierenden Schmugglern gibt.
Wenn das Wetter gut ist, kommen sie schnell voran. Sonst kann es auch ein paar Wochen dauern, bis die zahlungskräftigen Migranten auf ihre Boote nach Italien gesetzt werden – Boote, die nicht völlig überfüllt und mit einem Satellitentelefon versehen sind, um die Rettungszentrale in Rom anrufen zu können, sobald internationale Gewässer erreicht sind. Wer sich in der Community der Bangladescher in Süditalien umhört, erfährt, dass „auf den Booten vor allem ehemalige Gastarbeiter sitzen“ .

Aufstiegsmöglichkeiten in Großbritannien

In Italien leben mittlerweile rund 120.000 Bangladescher, viele in Rom, Mailand oder im Süden in Palermo. Die meisten kamen bereits in den 80er- und 90er-Jahren, als die italienische Wirtschaft boomte und Fabrikarbeiter gebraucht wurden. Diese Community dürfte nun weitere Landsleute anziehen. Freiwillig bleiben aber die wenigsten in Italien. Die meisten wollen weiter nach Großbritannien.
Die dortige Gemeinde zählt mindestens 600.000 Menschen. Da Bangladesch zum britischen Commonwealth gehört, gibt es historisch enge Bindungen ans Königreich. Vertreter der Gemeinde sitzen mittlerweile im Parlament und im Oberhaus, in Vorstandsetagen und dem Universitätsmanagement. Statistiken belegen, dass die Bangladescher langsam, aber stetig von den untersten sozialen Stufen aufsteigen.
Doch schon seit Jahrzehnten macht London Bürgern aus den ehemaligen Kolonien die Einwanderung schwerer. Der legale Zuzug hat hohe bürokratische Hürden und Kosten, selbst wenn schon ein nahes Familienmitglied in Großbritannien lebt. Zwischen 1800 und 3500 Euro kostet das nötige Papier.
Da kommt ein Touristenvisum für sechs Monate zum Preis von rund 110 Euro schon wesentlich billiger. Bisher kamen die Bangladescher vor allem auf dessen Grundlage, direkt aus ihrem Heimatland, auf der Insel an, wie Untersuchungen belegen. Sie kehrten dann einfach nicht mehr in die Heimat zurück. Sie wissen: Auch wenn sie kein Asyl bekommen, müssen sie kaum eine Abschiebung
Bangladescher, die über Italien nach Großbritannien gelangen, schlagen sich entweder illegal durch, fliegen etwa mit einem falschen Pass oder verstecken sich auf einem Lastwagen oder Boot. Oder aber sie setzen auf den Faktor Zeit: Wer lange in Italien lebt und eine Aufenthaltsgenehmigung erhält, kann irgendwann auch von dort aus mit einem Touristenvisum weiter zu den Verwandten reisen. Nach Deutschland zieht es nur wenige. Im Jahr 2016 kamen nur 2657 Asylbewerber hierzulande aus Bangladesch.
Restlos aufklären wird sich das Rätsel um die Migrationswelle aus Bangladesch wohl nicht. Derzeit versuchen Experten, eine neue Frage zu beantworten: warum die Zahl der Bangladescher nun schon wieder zurückgeht – und wieder mehr Nigerianer kommen.
Die Behörden haben jedenfalls genau registriert, was in den vergangenen Monaten in Tripolis passiert ist: Die international unterstützte Einheitsregierung Libyens erklärte am Sonntag, dass die Bürger von fünf Nationen künftig keine Einreisevisa mehr am Flughafen erhalten werden. Die Herkunftsländer sind Syrien, Sudan, Ägypten, Marokko – und Bangladesch.





Montag, 8. Mai 2017

Historias de Cartón - New Exhibition in Tanger

The inauguration  will be on 11th of May at 19.00 in the exhibition rooms of the Instituto Cervantes in Rue Belgique.
Ana Martinez Hernandez will present her faboulus work of Historias de Carton with more than 35 pictures and videos of her children stories!