Samstag, 2. Mai 2009

William S. Burroughs

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Hauptsache, man wartet lange genug, dachte sie, wenn man nur lange genug wartet, passiert etwas.
Russell saß an einem Tisch in der Bar und sah aus dem Fenster. Es war zehn vor acht, und es war bestimmt das erste Mal, dass er pünktlich zu einer Verabredung mit ihr kam.

Als sie noch zusammen waren, kam er immer zu spät, oft eine Stunde oder zwei, immer mit einer Erklärung oder einem schiefen Lächeln. Er kam zu spät oder tauchte überhaupt nicht auf. Er hatte sie noch nicht bemerkt, saß mit dem Rücken zu ihr, und als er sich zur Straße drehte, sah sie sein Gesicht im Profil.
Einen Moment lang war sie nicht sicher gewesen, ob er es wirklich war.
Seine Haare waren grau geworden, damit hatte sie nicht gerechnet.

Sie hatte so viel an ihn gedacht, aber sie hatte nie damit gerechnet, dass er graue Haare bekommen würde.
Er trug auch eine Brille, eine Hornbrille, die ihm gut stand.
Sie erkannte ihn an seiner Haltung, an der Art, wie er mit einer Zigarette in der Hand da saß. Er kehrte ihr den Rücken zu, aber ihm gehörte der ganze Raum.

Sie ging durch die Lobby zur Damentoilette. Sie musste sich eine Minute oder zwei sammeln, bevor sie sich ihm näherte. Auf diese Situation war sie nicht vorbereitet gewesen. Sie war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass sie auf ihn warten müsste, dass sie noch ein paar Minuten zum Nachdenken hätte.
Vor dem Spiegel begann sie zu zittern.
Sie hielt sich die Hände vors Gesicht, als würde sie ihren eigenen Anblick nicht ertragen.
Vor langer Zeit hatte etwas in ihr begonnen, ein Ziehen, das sie jetzt nicht mehr kontrollieren konnte.

Eine gut gekleidete Frau mit orientalischen Gesichtszügen kam in die Toilette, blieb vor dem Spiegel stehen und berührte sie an der Schulter.
Alles in Ordnung?, fragte die Frau.
Sie nickte.
Ganz sicher?
Sie wischte etwas Schminke weg und schloss die Augen, bevor sie die Tür öffnete.

Dann ging sie nach draußen, unbewusst nahm sie Geräusche wahr, sie hörte eine Tasse, die auf einen Tisch gestellt wurde, ihre eigenen Schritte auf dem gefliesten Boden.
Sie spürte das Gewicht jedes einzelnen Schrittes.
Sie versuchte, den Kopf auszuschalten, nicht zu denken, nicht zu überlegen, einfach nur zu gehen, weiterzugehen.
Sie ging, ohne einen Blick auf Russ zu werfen, vorbei an seinem Tisch, an dem er mit dem Rücken zu ihr saß, vorbei an der Rezeption, zur Tür.
Wieder auf der Straße ging ihr Atem schneller, und sie eilte den Bürgersteig entlang.
Überrumpelt von ihrem eigenen Verhalten, dachte sie: So war es nicht geplant, das war nicht das, was ich wollte.
(Ausschnitt aus Naked Lunch, Nagel & Kimche, 2009)

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